Aus Fremden werden Helfer

Aus Fremden werden Helfer

Coronavirus Junge Geislinger machen es durch ihr Engagement möglich, dass der Carisatt-Tafelladen in der Bebelstraße einmal in der Woche geöffnet werden kann. Von Kathrin Bulling (Geislinger Zeitung), Foto: Markus Sontheimer

Die Jugendlichen verkaufen die vorgepackten Lebensmittel-Tüten vor dem Eingang des Carisatt-Ladens in der Geislinger Bebelstraße.

Chantal „Chanti“ Schmid vom Jugendgemeinderat (rechts) und eine Helferin aus dem Skatepark packen im Carisatt-Laden mit an.

Daina Lautenschläger sagt lachend, am Anfang sei es mehr oder weniger eine Schnapsidee gewesen: Weil der Tafelladen der ­Caritas in der Bebelstraße geschlossen werden musste – die Mehrzahl der ehrenamtlichen Helfer zählt aufgrund ihres hohen Alters zur Risikogruppe –, könnten doch junge Geislinger einspringen, dachte sie sich. „Wir Jungen haben zurzeit bis auf Hausaufgaben nichts zu tun“, meint die 23-Jährige (Foto), die an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Geislingen Nachhaltiges Produktmanagement studiert. „Wir langweilen uns, uns fällt die ­Decke auf den Kopf.“

Lautenschläger kontaktierte die Freunde, mit denen sie sich im Jugendhaus Maikäferhäusle engagiert und erhielt sofort viele positive Reaktionen. Über Chantal „Chanti“ Schmid vom Jugendgemeinderat wurde die Idee noch weiter gestreut – über das Jugendgremium zum Skatepark und inzwischen auch zum evangelischen Jugendwerk Bezirk Geislingen. Daina Lautenschläger klärte zahlreiche logistische und organisatorische Fragen mit der Caritas ab und war auch in engem Kontakt mit dem Geislinger Verwaltungsstab sowie Christine Pfundtner vom Mehrgenerationenhaus, die die Aktion „Geislingen hilft!“ betreut. Binnen weniger Tage war klar: Aus Daina Lautenschlägers Schnapsidee wird Realität.

Aktuell stehen 15 Helfer zwischen 16 und 21 Jahren für den Dienst im Tafelladen bereit, zehn von ihnen waren beim Start am Mittwoch im Einsatz (wir berichteten). Und so funktioniert’s: Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter des Carisatt-Ladens übernehmen alle logistischen Aufgaben rund um die Lebensmittelbeschaffung; ein kleiner Stamm des zirka 25 Personen umfassenden Tafelladen-Teams bereitet die Waren vor. Verkauft werden derzeit nur drei vorgepackte Pakete: eine Gemüse- und Obsttüte, eine Tüte mit Käse oder Wurst, dazu gibt es Milchprodukte, und eine Tüte mit Brot, Brötchen, süßen Stückchen und Nudeln. Die jungen Ehrenamtlichen geben die ­Lebensmittel-Tüten vor dem Geschäft an die Kunden aus.

Daina Lautenschläger ist begeistert: „Die Kooperation zwischen allen Beteiligten hat wunderbar geklappt und meine Erwartungen übertroffen.“ Es handle sich um eine ganz neue Form der Zusammenarbeit: „Weil wir uns vorab ja nicht treffen konnten, musste alles digital organisiert werden. Es ist total spannend, wie sich das aus allen Ecken zusammengefügt hat. Wir kennen uns nicht und haben uns trotzdem zusammengetan.“

Während sie am ersten Tag noch zehn Stunden am Handy verbracht hat, um alles abzusprechen, hat sich jetzt schon einiges eingespielt; zwei bis vier Stunden steckt die 23-Jährige aber immer noch täglich in die Organisation. Die anfängliche Helferzahl von zehn Personen wird diese Woche heruntergeschraubt, um die Kontakte zu minimieren; einige Jugendliche fungieren eventuell als Springer. Noch sei wohl vielen Kunden nicht bewusst, dass der Tafelladen zumindest einmal in der Woche wieder geöffnet habe, meint Lautenschläger. Von den sonst üblichen 70 bis 90 Kunden seien etwa 30 erschienen. Die Aktion werde sich hoffentlich weiter herumsprechen.

Eine Chance fürs Ehrenamt

Brigitte Chyle, Fachleiterin Soziale Hilfen bei der Caritas Fils-Neckar-Alb, betont: „Der Geislinger Tafelladen wird auf jeden Fall gebraucht.“ Dass es junge Leute gebe, die sich engagieren wollen, habe sie und das gesamte ehrenamtliche Team sehr gefreut, sagt sie: „Es ist eine wunderbare Sache, alle sind wirklich berührt.“

Auch Chanti Schmid freut sich, dass aus der Idee Wirklichkeit wurde. Für den Jugendgemeinderat sei die Mitwirkung aufgrund der Vakanz in der Geschäftsstelle nicht einfach, „aber wir haben es digital sehr gut hinbekommen, uns zu vernetzen und zu organisieren – wir überlegen sogar, ob wir das so weiterführen können“. Auch Daina Lautenschläger ist gespannt, was aus ihrer „Schnapsidee“ – und der Corona-Krise generell – noch erwächst. „Die Krise hat wahnsinnig viel Solidarität verursacht“, sagt sie. „Ich glaube, dass das Ehrenamt deutlich wachsen wird, weil die Menschen stärker als früher wahrnehmen, dass wir eine Gemeinschaft sind, in der das Handeln des Einzelnen Auswirkungen hat.“ So hätten ihr viele der jungen Helfer schon signalisiert, dass sie sich auch über die Krise hinaus vorstellen könnten, sich für den Tafelladen zu engagieren.

Info Der Carisatt-Tafelladen in der ­Bebelstraße 100 ist Mittwochs jeweils von 9.30 bis 12 Uhr geöffnet. Personen mit Berechtigungsausweis können dort einkaufen. Kontakt zum Tafelladen: Telefon (07331) 30 65 65; Aktion „Geislingen hilft!“: (07331) 44 03 63.

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